Tagesbericht 19.03.2012

Wir sind von Amed/Diyarbakir aufgebrochen nach Osten, um nach
Hakkari/Colemerg zu gelangen.
Der Weg führt entlang der türkisch-syrischen Grenze durch die Ebene, die
aus Syrien nach Kurdistan hineinreicht, einem Teil der Seidenstraße und
parallel zur „Bagdad-Bahn“, einem Projekt deutscher Kolonialinteressen
des frühen 20.Jahrhunderts.
Dann geht es in die Berge entlang der türkisch-irakischen Grenze über.
Dies ist Operationsgebiet der Guerilla, die in der Region mit eigen
Tausend Kräften vertreten ist.
Es ist sonnig und warm, alle mit Sonnenbrand.

Die syrische Grenze erscheint ruhig, auch an den Übergängen kein
Verkehr. Der Grenzstreifen wurde von den Franzosen in der Kolonialzeit
vermint, große Warntafeln weisen aber nur auf das militärische
Sperrgebiet entlang der Grenze hin. Der Bahndamm der „Bagdad-Bahn“ läuft
100 Meter parallel zu unserer Rechten. Es geht vorbei an der geteilten
Stadt Nusaybin|Qamsilo. Der NATO-Draht teilt die Wohnviertel, die
Bevölkerung kämpft gegen die Teilung.

Wir passieren einige Militärstationen auf der gut ausgebauten Straße. Im
Grenzgebiet tauchen viele Bohrlöcher auf, mit Gasfackeln, die den
Ölreichtum der Region anzeigen. Sie sollen bis weit nach Syrien
hineinreichen und sind Objekt der Begierde aller Parteien im
Syrienkonflikt. Die kurdische Bewegung hat die Bevölkerung im syrischen
Norden in den letzten Monaten organisiert und so die Region unter ihre
Kontrolle gebracht. Sie spricht sich für einen friedlichen Wandel ohne
bewaffnete Auseinandersetzungen aus, eine Militärintervention von außen
lehnt sie ab.
Der türkischen Regierung ist sie ein Dorn im Auge und auch die
irakischen Kurdenführer sind nicht begeistert, den Einfluss verloren zu
haben, verhalten sich aber ruhig. Die Türkei droht offen mit
militärischer Intervention.

Zu unserer linken Hand, nach Norden beginnen die Berge, in die wir nach
der Hälfte des Weges dann auch eintauchen. Auf Serpentinen schlängeln
wir und durch die Schluchten, passieren Cizre, Sirnak, Uludere.
Der Weg ist gesäumt von Militärposten, Panzern, Dorfschützerhäuschen und
ihren auffällig gut ausgestatteten Häusern. Wir passieren Soldaten einer
Einheit beim Marsch auf der Straße, die in weitem Abstand voneinander
dahintrotten. An den Berghängen zur irakischen Grenze reiht sich ein
Militärposten an den nächsten.
Die erste Militärkontrolle durch Spezialkräfte beginnt gleich mit dem
Verlassen der Ebene und es folgen einige mehr oder weniger ernsthafte
Kontrollen.
Man kann jetzt verstehen, dass in der Bewegung vom „türkisch-besetzten“
Teil Kurdistans gesprochen wird.
Zuletzt vor Hakkari dann die Polizeikontrolle, die für uns die
schwierigste wird: Beschimpfungen, Unterstellungen, Erniedrigung. Wir
müssen aussteigen, sie durchsuchen stichprobenartig unsere Sachen und
finden die Begleitschreiben der Bundestagsabgeordneten. Wir werden unter
Beschimpfungen durchgelassen, stehen aber ab jetzt unter starker
Beobachtung.

Im Hotel ruhen wir uns aus und arbeiten den Tag auf.