Tagesbericht 20.03.2012

Spontan von der Stadtverwaltung in Hakkari/Colemerg eingeladen, brechen wir zu der Newroz-Feier in Yüksekova/Gever auf. Die Stadt liegt einige Fahrstunden entfernt kurz vor der iranischen Grenze.

Der Weg schlängelt sich durch die verschneiten Berge, in Begleitung der offiziellen Vertreter_innen aus Hakkari/Colemerg passieren wir die Straßensperren ohne Kontrolle, zu unserer Verwunderung.

In Yüksekova/Gever kommen wir in den Auseinandersetzungen zwischen kurdischer Bevölkerung und Polizei an und versammeln uns in einer Bäckerei zur Begrüßung.

Die Geschäfte sind fast alle geschlossen und verriegelt, der einzige Verkehr auf den Straßen sind gepanzerte Polizeifahrzeuge, Räumpanzer und Wasserwerfer. Das Tränengas brennt in der Nase.

Weiter entfernt gibt es Auseinandersetzungen, Steine und Molotow-Cocktails werden geworfen, ein Panzerfahrzeug geht in Flammen auf. Jubel um uns herum.

Wir starten mit einem Führer einen Rundgang durch die Stadt, versuchen um die Kämpfe herum auf einen Hügel zu kommen, um über die Stadt schauen zu können. Der Weg führt durch Gassen, Hinterhöfe, enge Pfade durch hohen Schnee vorbei an Scharfschützen auf Dächern und kleinen Barrikaden. Dabei stehen Frauen, Jugendliche und Kinder, teils in traditionellen Kleidern und vermummt. Der Widerstand scheint von diesen Gruppen getragen zu werden. Aber auch alte Männer laufen mit Steinen in der Hand durch die Straßen.

Manchmal fliegen Gasgranaten in den Weg, es brennt in Nasen und Augen, wir ziehen uns die Schals vor Mund und Nase. Wir kommen auf eine Hauptstraße und müssen durch eine größere Menschenmenge.
Die Polizei schießt Tränengasgarnaten in die Menge, Jugendliche greifen mit Steinen an, es fallen Schüsse. Ein heftiger Knall und Jubel, ein gepanzertes Fahrzeug scheint fahrunfähig zu sein. Wir beschließen die Szene zu verlassen und suchen durch eine Seitengasse den Rückweg zur Bäckerei.

An der Kreuzung vor der Bäckerei werden wir Zeugen, wie bewaffnete Polizisten aus den gepanzerten Fahrzeugen springen und mit ihren Pistolen in die Luft schießend auf die Menschenmenge zulaufen. Über uns Schnellfeuergewehre aus den Stockwerken des Hauses an der Ecke in Richtung der Menschenmenge. Es gibt Verletzte, auch auf Seiten der Polizei.
Wir wechseln die Straßenseite und ziehen uns in die Bäckerei zurück.

Von dort aus beobachten wir weiter die Auseinandersetzungen, diesmal wieder von der Rückseite, hinter den Polizeilinien. Ein zerstörter Wasserwerfer wird an uns vorbei die Straße hinunter aus der Schusslinie gebracht. Erneut Jubel um uns herum.

Plötzlich stürmt ein Polizist mit Schnellfeuergewehr in Begleitung des Polizeichefs auf uns zu: „Die deutsche Delegation soll rauskommen! Alle sofort rauskommen!“ Wir sollen um die Ecke aus der Linie gehen. Wir fühlen uns schlecht, die Volksvertreter allein in der Bäckerei zu lassen, bleiben in der Nähe.
Dann verlassen sie zu einem Rundgang das Lokal, wir folgen.
Wir kommen zu einem kleinen Straßenfest, Musik, Tanz und Jubel als die Volksvertreter auf den Platz kommen. Nach kurzer Zeit geht es weiter, wieder zur Menschenmenge auf der Hauptstraße.
Einige Jugendliche tanzen, andere haben begonnen einen Kameramasten zu fällen.

Wir beobachten die Szenerie, es fallen Freudenschüsse aus einer Kalaschnikow. Die Polizei hat sich ein Stück zurückgezogen. Wir ziehen uns in ein Haus an der Seite zurück. Vom Balkon aus beobachten wir das kleine Fest: Tanz, Gesang, Gewehrfeuer. Dann sprengen die Jugendlichen den Mast mit der Kamera, und nach einigem Hin und Her fällt er.

Dann der plötzliche Aufbruch. Zusammen mit den Leuten der Stadtverwaltung Hakkari fahren wir wieder zurück, ohne Kontrollen und mit hohem Tempo. Wir kommen heil im Hotel an und haben einen unglaublichen Tag erlebt.

Hohen Respekt gegenüber der Bevölkerung, die trotz dieser Repression ihr Freiheitsfest feiert!