Tagesbericht 22.03.2011

Von Sirnak aus fuhren wir heute über Cizre, Hasankeyf und Batman zurück nach Diyarbakir/Amed, dem Startpunkt unserer Delegations-Reise. Bei frühsommerlichen Temperaturen ging es am frühen Morgen die Berge hinab, kurz hinter Sirnak konnten wir 2 hochmoderne Apache-Hubschrauber der türkischen Armee über uns beobachten, vermutlich im Einsatz gegen die Guerilla, welche am Tag zuvor gegen türkische Sonderkommandos aktiv geworden war.

Die Dichte der Militärstationen nimmt im flacheren Gebiet ab. An einem Militär-Checkpoint, den wir passieren, kennt man uns bereits von der Hinfahrt und lässt uns nach kurzer Passkontrolle passieren.

Anstatt direkt durch Cizre hindurch zu fahren, beschließen wir der BDP-Zentrale, welche am vorigen Tag durch türkische Sicherheitskräfte angegriffen wurde, einen Besuch abzustatten.
Als wir auf das Gebäude zufahren, lassen sich bereits die Einschusslöcher in der Fassade klar erkennen.
Wir steigen aus und betreten den Hof des Gebäudes. Mehrere Menschen reparieren das eiserne Schiebetor des Grundstücks, welches Gestern von einem Räumpanzer aus der Verankerung gerammt wurde und jetzt schwer Beschädigt mitten auf dem Hof liegt.
Ein Traube von Menschen empfängt uns vor dem Gebäude. Wir werden vor dem Betreten darauf hingewiesen, dass wir drinnen auf keinen Fall etwas verändern dürfen und auf unsere Füße achten sollen.
Als wir ins Innere treten, haben wir sofort den beißenden Geruch von Tränengas in der Nase. Und das, obwohl der Angriff schon mehr als 20 Stunden her ist.
Wir stehen vor einem Bild der Verwüstung:
Überall liegen zerschlagene Möbel, verteilte Akten, Scherben und heruntergerissene Banner. In der Mitte eines Raumes liegt eine Tränengasgranate. Uns wird erzählt, dass hier 70 Menschen Zuflucht vor der Polizei gesucht hatten. Als diese die Tür aufgerammt hatte, wurden sie erst mit Tränengas eingedeckt und dann zusammengeknüppelt. Einen Raum weiter befindet sich das komplett zerstörte Büro des Parteivorsitzenden. Er wurde mit einem Gewehrkolben zusammengeschlagen und liegt mit zertrümmerten Wangenknochen im Krankenhaus, die restlichen Menschen wurden festgenommen. Stockwerk für Stockwerk wird der Gasgeruch immer unerträglicher, der Anblick der Zestörung erstreckt sich über alle 4 Etagen. Der Hass und die Zerstörungswut der türkischen Polizei zeigt sich auch auf der Dach-Terasse: dem Trinkwassertank des Hauses wurde einer Gasgranate Tränengas beigemischt.
Der Anblick der BDP Zentrale in Cizre war für uns alle erschrekend und zeigt den Hass des türkischen Staates auf die kurdische Bevölkerung, der selbst vor legalen Parteien keinen Halt macht. Die Anwesenden danken uns für unseren Besuch und versichern uns, dass wir beim Verlassen der Stadt in Richtung Hasankeyf nicht mit Kontrollen zu rechnen haben. Sie behalten Recht, ohne Kontrolle kommen wir in Hasankeyf an.

Die 10000 Jahre alte Stadt soll im Ilisu-Staudamm versinken, der außerdem ca. 60.000 Menschen vertreiben wird. Die Bevölkerung wehrt sich seit vielen Jahren gegen das Projekt, das fruchtbares Land, Dörfer, Friedhöfe und andere kulturelle Stätten vernichten wird, und im Gegenzug Wasser für industrielle Landwirtschaft, Strom für die Metropolen im Westen und eine Barriere gegen die Guerilla liefern soll. 60 Kilometer weiter fließt der Tigris dann in den Irak – wenn die Türkei den Durchfluss nicht zu stark reduziert. Der Konflikt ist vorprogrammiert.
Die alte Stadt ist geprägt von Höhlen in den Hängen der steilen Felsschluchten, die noch bis vor wenigen Jahren bewohnt wurden. Wir genießen für kurze Zeit die Ruhe, den weiten Blick und die beeindruckende Fels-Landschaft. Dann geht es weiter Richtung Diyarbakir nach Batman.

In Batman haben wir uns mit PolitikerInnen der BDP in der örtlichen BDP-Zentrale verabredet. Nach einer herzlichen Begrüßung, u.a durch den Bürgermeister und den Vorsitzenden, unterhalten wir uns in einem längerem Gespräch mit VorstandmitgliederInnen. Wir tauschen uns über die Situation der kurdischen Bewegung in der Türkei sowie in Deutschland aus. Die Zeit war leider etwas knapp, gerne hätten wir uns noch länger in Batman informiert. Aber die andere Delegation aus Hamburg war hier bereits vor einigen Tagen gewesen und hatte dies umfangreicher getan – und auch die krasse Repression hier teilweise am eigenen Leib erfahren.

In Diyabakir angekommen beschliessen wir in einem Hotel zu übernachten. In einem Restaurant treffen wir zufällig auf eine Delegation aus Italien, wir freuen uns Erfahrungen der letzten Tage mit ihnen austauschen zu können.