Tagesbericht 23.03.2012

Seit Donnerstagabend befinden wir uns wieder in Diyarbakir/Amed. Obwohl nicht mehr alle 5 Minuten gepanzerte Spezialkräfte und Wasserwerfer an uns vorbei fahren, bleibt der Eindruck eines besetzen Landes. In allen Gesprächen spielt die lange Geschichte der Unterdrückung und die aktuelle Repression, insbesondere die seit zwei Jahren anhaltende Verhaftungswelle im Rahmen der sog. „KCK-Verfahren“ eine große Rolle.

Am Freitagmorgen besuchen wir die Menschenrechtsorganisation IHD. Sie recherchiert und dokumentiert Menschenrechtsverletzungen in der ganzen Türkei und veröffentlicht diese in regelmäßigen mehrsprachigen Berichten. Außerdem dient sie als Anlaufstelle für die Angehörigen der sogenannten „Verschwundenen“. So werden die mehr als 17000 Menschen genannt, die in den 90er Jahren von Polizei, Militär und staatlicher Konterguerilla verschleppt und umgebracht wurden. Bis heute leugnet der türkische Staat diese systematischen Morde, eine Aufarbeitung fand nie statt, obwohl in den letzten Jahren vermehrt Massengräber entdeckt und damals Verschleppte identifiziert wurden. Insbesondere die IHD unterstützt die Hinterbliebenen auf der rechtlichen Ebene, macht Öffentlichkeitsarbeit und erinnert immer wieder an diese schreckliche Phase staatlichen Terrors, der auch mehr als ein dutzend Mitarbeiter_innen der IHD selbst zum Opfer fielen. Und auch heute ist die Arbeit der IHD dem türkischen Staat ein Dorn im Auge: Der Vorsitzende und mehrere Mitarbeiter_innen sitzen seit über einem Jahr im Gefängnis, unregelmäßige Razzien und Beschlagnahmungen erschweren die Arbeit.

Wir werden für den nächsten Tag zu einer Mahnwache in Erinnerung an die Verschwundenen eingeladen und verabschieden uns herzlich.

Unser nächster Besuch gilt der weltweit ersten feministischen Nachrichtenagentur Jin Haber, die sich am 8. März 2012 gegründet hat. Ihr Ansatz ist es Nachrichten aus Kurdistan und weltweit zu allen Themenbereichen aus der Perspektive der Frau zu publizieren und Sexismen in den Medien zu bekämpfen. Wir führen sehr interessante Gespräche, welche wir in den nächsten Tagen hier als Interview veröffentlichen werden. Noch etwas Geduld, das Warten lohnt sich!

Im Anschluss besuchen wir die Hilfseinrichtung Sarmasik. Sie ist aus einem Forschungsprojekt verschiedener Wissenschaftler_innen hervorgegangen, welches sich mit dem Thema Armut in Diyarbakir/Amed beschäftigt hat.

In Diyarbakir leben nach offiziellen Angaben etwa 840000 Menschen, meistens wird aber von einer tatsächlichen Einwohnerzahl von deutlich über einer Million ausgegangen. Nur rund 30 % der Bevölkerung verfügt über ein festes Einkommen, die meisten Menschen halten sich mit Saisonarbeit und wechselnden illegalen Jobs über Wasser. Die Armut nicht nur in Diyarbakir, sondern in allen kurdischen Gebieten der Türkei hat System: Der Großteil der Industrie wurde in den Westen verlagert, Infrastruktur und Bildung bewusst vernachlässigt. War Diyarbakir vor Gründung der türkischen Republik 1921 noch die fünftreichste Stadt des Osmanischen Reiches, ist sie mittlerweile eine der ärmsten Großstädte der Türkei. Dazu kommen die Zerstörungen und Vertreibungen während der intensivsten Phase des Krieges gegen die kurdische Bevölkerung in den 90er Jahren. Vor allem Diyarbakir wurde zum Ziel vieler aus ihren Dörfern im Osten vertriebener Kurd_innen.

Vor diesem Hintergrund befragten die Gründer_innen von Sarmasik im Laufe mehr als 3000 Familien in der Stadt nach ihren Bedürfnissen und Problemen und stellten fest, dass das größte Problem der Ärmsten der Hunger war. Sie beließen es allerdings nicht bei der Forschung, sondern entwickelten ein Konzept zur Unterstützung der Bedürftigsten mit Grundnahrungsmitteln. Aufgrund der großen Ausmaße der Armut konzentriert sich Sarmasik dabei auf Familien ohne „arbeitsfähige“ Männer, die meist im Krieg getötet wurden oder im Gefängnis sind.

Sarmasik ist eine Art „Lebensmittelbank“, die hauptsächlich durch Geldspenden getragen wird. Unterstützer_innen aus ganz Kurdistan und der Türkei, aber auch aus Europa, spenden monatlich einen festen Betrag. Davon werden tonnenweise Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Mehl, Reis, Zucker oder Tee gekauft, welche bei Sarmasik in die Regale wandern. Den eingetragenen Familien steht dann ein gewisses monatliches Guthaben zur Verfügung, welches sie nach eigenem Ermessen in Lebensmittel umtauschen können. Großer Wert wird auf einen würdevollen Umgang mit Armut gesetzt: Die Familien können sich wie in einem Supermarkt ihre Waren aussuchen, Anonymität wird versucht zu gewährleisten.

Aber auch hier werden wir mit den Folgen der Repression konfrontiert: Einige der größtenteils ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen sitzen unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft und Unterstützung einer „terroristischen Vereinigung“, der KCK in Haft, es gab mehrere Durchsuchungen der Räume. Besonders schockt uns, dass kurz nach dem Erdbeben 2011 in Van alle Hilfsspenden für die betroffenen Menschen von der türkischen Regierung unter demselben Vorwand beschlagnahmt wurden.

Müde und erschöpft, aber voller Gedanken und Anregungen machen wir uns auf den Weg zurück ins Hotel. Erst so langsam wird einigen von uns klar wie vielfältig, breit aufgestellt und tief diese Bewegung in der Bevölkerung verankert ist, und warum der türkische Staat mit solch unerbittlicher Härte gegen diese vorgeht.